Solange die männliche Forschung hierzulande dem Nachbeten bestehender Diskurse dient – wird es all jenen, die geschlechtsunspezifische und parteienpolitisch unabhängige Aufarbeitungsarbeit betreiben wollen sehr schwer gemacht. Leider ist die Recherche in den interessantesten Archiven unseres Landes, die noch nicht irgendwann einem „Brand“ zum Opfer gefallen sind nur wenigen Auserwählten vorenthalten, in Zeiten der Digitalisierung auch eine voranschreitende digitale Informationszensur zu erkennen; eine freie Wissenschaft noch immer Utopie, wie auch die vielfach postulierte Möglichkeit für JedeN auf eine freie unzensierte Meinungsbildung. Die Geschichte von und über uns Frauen fehlt ohnehin weitgehend – so als wären wir nie gewesen.

Kulturhistorisch tragisch erscheint in diesem Zusammenhang einmal mehr, dass man nicht nur in  Wildalpen gerade aufgrund des vielfachen traumatisierten Verschweigens, bis dato auf einen nicht unwesentlichen Teil seiner Geschichte und damit Kultur einfach so verzichtet, weil sie möglicherweise zu „unkatholisch“ ist – eine ältere Volks- und Handwerkskultur, die uns Jahrhunderte zuvor bereits verband, mit dem Erzberg in Eisenerz einerseits, andererseits den Dreimärkten Purgstall, Gresten und Scheibbs in Niederösterreich; die sogenannte Eisenstraße wird hinter den viel propagierten Mythos der 900jährigen Stift Admont Herrschaft gedrängt. Man träumt hier in den Bergen vom „schon immerwährenden“ Katholizismus, lässt zum Jubiläum einmal mehr die Blaskapelle einen Marsch blasen und vergisst gleichzeitig auf jede Kultur jenseits militärischen Gehorsams und blinder Hörigkeit. Am Rande bemerkt ist die Dauer angesichts der Genese des besagten Stiftes eher unrealistisch…  der vielgerühmte Abt Urban Weber, öffentlich gefeiert als Bauherr, jedoch nicht als Inquisitor, Massenenteigner und Hexenverbrenner des innerösterreichischen Gedächtnisses – unter dem damals wahnsinnigen Argument des absurden Gotteswillen, abgesegnet durch den Papst – hat erst bis Mitte Hälfte des 17. Jahrhunderts die teilweise bis heute einverleibten Ländereien und Liegenschaften als sein eigenes kirchliches Eigentum deklariert und besetzt – und selten ganz neu bauen lassen; wie es um ein Stift Admont um das Jahre 1100 bestellt war, und welcher Kultur damals in Österreich die Menschen wahrhaftig frönten, fällt wiederum anderen, nicht zuletzt geschlechtsspezifischen Verdrängungen bis dato zum Opfer.

In seiner aktuellen Publikation über die Rothschilds, schmückt Roman Sandgruber Albert Salomon Rothschild mit dem Attribut „Reichster Mann der Welt“ und gibt Einblick in seine Lebenswelt, die sich gerade eben hier in den österreichischen Bergen abspielte. Seine Gattin Bettina Caroline Rothschild findet darin wenig Erwähnung, auch wenn so manches soziales und caritatives Engagement rund um den Rothwald ihrem Wirken zuzuschreiben ist, wie beispielsweise das Kinderasyl in Göstling, für die Bergbauerkinder der Region, in welchem sich heute eine Arztpraxis befindet. Die karge Beschäftigung mit den Frauen der Familie spiegelt die anhaltende einseitig patriarchalisch dominierte Forschung hierzulande wider, das sich haltende Unvermögen unserer Forschermänner sich etwas jenseits von Patrilokalität und Männerdominaz vorzustellen, auch wenn gerade der Mythos zur Gründung der Rothschild Dynastie eben genau auf gegenteilige Prinzipien und einen durchhaus hohen Stellenwert der Frauen sowie großartige Leistungen hindeutet.  Herr Sandgruber mag ein viel gefragter und gern zitierter Historiker sein, wenn es um die Darstellung der patriarchalischen Welt seit der Industrialisierung geht, die Darstellung großer Konzerne, dafür scheint ihm aber bis jetzt das Feingefühl für die sozialen und kulturellen Leistungen der Damen noch zu fehlen, weswegen er die großen Frauen der Familie „leider sträflich vernachlässigt hat“. Der Flussbahnhof im Herzen Österreichs, der 50Jahre nach seiner Erbauung und bis zu seiner Enteignung Albert und Bettina Rothschilds Tochter Valentine Springer gehören sollte, war ihm völlig entgangen – vielleicht auch, weil man seit den 50ern seitens der Geschichtsschreiber mehr Engagmenent darauf gelegt hatte, die Dame und ihr einstiges Hab und Gut weitgehend aus dem postnazionalsozialistischen Gedächtnis zu löschen, was beinahe gelungen wäre. Spuren von Valentine Springers sozialen wie kulturellem Engagement sind allerdings von Wien über Schloss Sitzenberg, Göstling bis nach Wildalpen zu finden, im Fall des Flussbahnhof gerade auch der Raubbau daran.